Adam
Zagórski: Z powodu występów Asty Nielsen, In:
Kurjer Lwowski, No 206, 6 May 1913, Morning Edition, p. 3, and No
208, 7 May 1913, Morning Edition, p. 3.
Übersetzung
aus dem Polnischen: Aneta Krzyskow (Universität Trier);
Redaktion: Martin Loiperdinger (Universität Trier)
Kurjer
Lwowski, Nr. 206, Dienstag, 6. Mai 1913, Morgenausgabe
Anlässlich
der Auftritte von Asta Nielsen.
Man
kann schon kaum über Asta Nielsen schreiben, ohne vorher einige
Worte zur Verteidigung der Kinematographie als Kunst zu verlieren –
so sehr wird sie wegen einiger Mängel von vielen Seiten unserer
Intelligenz bekämpft: zwar zu Unrecht, im Hinblick auf ihre
vielen zusätzlichen Werte – aber jedenfalls ohne Wirkung,
da die Kritik am Kern der Sache vorbeigeht.
Edisons
epochale Erfindung fand natürlich vor allem in der neuen Welt
Anklang, welche die Dinge weitgehend ohne Vorurteile und allzu große
Vorsicht bewertet, der es aber bislang noch in höherem Maße
an einem Sinn für die Schönheit großer Kunst
gebricht. Und wenn auch die Kinematographen aus Amerika sehr schnell
auf dem ‚alten Kontinent‘ Fuß gefasst haben, so
haben sie doch keineswegs die Eigenart verloren, ihre Anliegen rein
wirtschaftlich zu verfolgen – obgleich diese Industrie auf dem
Gebiet der Kunst agieren musste, hat sie anfangs nicht verstanden,
dass sie erst als Kunstindustrie ihre wahre Bestimmung findet.
Allerdings zwingt die notwendige Entwicklung der Konkurrenz zwischen
den Kinotheatern selbst die ‚Fabrikanten‘ der
Kinematographen-Films dazu, das Element der Kunst und sogar großer
Kunst auf dem Gebiet dieses ‚Unternehmens‘ immer stärker
zu berücksichtigen. Momentan sehen wir - während allein
Europa einige Dutzend oder vielleicht auch mehr als hundert
Filmfabriken zählt – , dass die Unternehmer anfangen, an
die Künstler zu appellieren; dass sie anfangen, als Sujets der
Aufnahmen große Werke der Literatur zu nehmen; dass sie
anfangen, endlich Verträge mit Agenten von ernsthaften
Schriftstellern abzuschließen; ja dass sie sogar anfangen,
weltbekannte Regisseure einzustellen, und dass sie anfangen, Maler
und Bildhauer zu Hilfe zu rufen. Und so kommt es, ganz abgesehen von
all den hervorragenden, wenn auch weniger berühmten Künstlern,
dass heute in den Dramen, die für das Kino geschrieben oder
umgeschrieben werden, [Albert] Bassermann spielt, der größte
dramatische Künstler Deutschlands – oder dass der bekannte
italienische Künstler Novelii [recte: Enrico Novelli] Regie
führt – oder dass wir Aufnahmen von dem Spiel Sara
Bernhardts sehen.
Wir
erfahren weiterhin, dass eines der Unternehmen den berühmten
[Max] Reinhardt bittet, Regie zu führen, und keine Absage
erhält; dass andere Unternehmen ausgesprochen begabte Dramatiker
auf Dauer einstellen; dass schließlich die italienische Firma
Cines für künstlerische Aufnahmen eine Reihe Maler
einstellt, und dass gerade auf diesem Wege Ergebnisse erzielt werden
können wie zum Beispiel Quo
Vadis , dessen Aufführung sogar von den bisherigen
Kritikern des Kinos sehr gelobt wurde.
Zudem
kann man als weiteres Phänomen beobachten, dass die Produktion
des Heimatlands des Films, Amerika, in den Hintergrund tritt, weil
sie nicht mehr mit der kinematographischen Industrie in Europa
konkurrieren kann – nicht weil sie etwa über geringere
Mittel und Gelder verfügen würde, sondern gerade in
Ermangelung der künstlerischen Möglichkeiten, mit denen
sich Europa über das Land des Dollars erheben kann. Das sind die
Fakten – und aus diesen Fakten lässt sich schlussfolgern,
dass die kinematographische ‚Kreativität‘ in der
vielfachen Bedeutung dieses Wortes sogar noch erhöht werden
kann. Das ist eine Notwendigkeit, die sich aus der Konkurrenz der
Fabriken untereinander ergibt und auch aus der ständig
verbesserten Technik, die sicherlich noch weitere Fortschritte machen
wird.
Vor
allem darf man nicht aus den Augen verlieren, dass die Kinotheater in
(sicherlich keiner allzu weiten) Zukunft zahlreiche Theater
verschiedener Art ersetzen werden, mit denen sie schon heute
ernsthaft konkurrieren; dass sie der Theaterkunst viele zusätzliche
Elemente geben werden und dass sie dem Wort, das heutzutage im
Theater viel von seiner ‚Anmut‘, von seiner Schönheit
, seiner Kraft und seinem Stil verloren hat, eine höhere
Bedeutung verleihen werden. Sie werden auch einige Veränderungen
in der Theatertechnik und in der Technik des literarischen Aufbaus
der Theaterkünste herbeiführen. Aufgrund von Platzmangel
und wegen des schnellen Wandels in diesem Bereich ist es hier nicht
möglich, über diese allgemeinen Bemerkungen zur
Kinematographie hinauszugehen.
Ich
gebe durchaus zu, dass der Kinematograph und die mit ihm verbundene
Kunst momentan noch viele Mängel aufweist. Diese Mängel
sind auffallend und schränken den Wert der Produktionen von Asta
Nielsen ganz erheblich ein. Ihr Auftritt im Colosseum war begleitet
von massiver Werbung: Oberflächlich, geräuschvoll und
geschmacklos, wie sie war, stieß sie auf sehr geteilte
Meinungen. Die Schuld daran trägt zum Teil auch die Künstlerin
selbst.